"Female Finance": vom Bewusstsein zum Handeln

Warum finden viele Frauen Finanzthemen ungefähr so spannend wie Zahnarztbesuche? Ein Erklärungsversuch

Frauen sind inzwischen als interessante Zielgruppe «mit Potenzial» bei Banken und Vermögensverwaltern identifiziert worden, denn sie halten nicht nur einen wesentlichen Teil des Vermögens, ihr Anteil am weltweiten Vermögen ist auch tendenziell steigend. Es werden spezialisierte Beraterteams aufgebaut, Workshops & Academies angeboten; Blogger und Autoren versuchen, Frauen den Zugang zu Finanzthemen zu vereinfachen; Banken bieten spezielle Produkte für Frauen an. Und dennoch scheint es so, als ob sich der Handlungsrahmen von Frauen in Finanzfragen nur sehr langsam erweitert. Wie kann das sein? Meine Hypothese: Das dürfte daran liegen, dass Finanzthemen eine ähnliche Anziehungskraft auf viele Frauen haben, wie ein Zahnarztbesuch: Man weiss, dass er notwendig ist, aber schiebt ihn gerne vor sich her, meist, bis es zu spät ist  

Gemäss einer Studie der UBS vom Juli 21, sind sich Frauen in der Schweiz (aber vermutlich nicht nur hier) zwar durchaus bewusst, dass sie sich mit dem Thema Vermögensaufbau/-erhalt und Vorsorge auseinandersetzen müssen (50% geben an, dass Geld wichtig ist, um mögliche Vorsorgelücken zu schliessen), es aber dennoch nicht tun (nur 20% interessieren sich für den Vermögensaufbau).

Wenn man bedenkt, dass darüber hinaus gemäss der erwähnten UBS Studie nur 15% angeben, sich für Finanzmarktthemen zu interessieren, zeigt sich auch, wo das Problem liegen könnte: Für viele Frauen ist das Geld eher Mittel zum Zweck, sprich es ist wichtig, dass es in einem zumindest ausreichenden Masse zur Verfügung steht, aber es hat keinen Selbstzweck. Daher auch das geringe Interesse an Finanzmarktthemen. Das zeigt sich auch in den Themen, von denen Frauen angeben, dass sie ihnen in Bezug auf ihr Vermögen wichtig sind: 64% sorgen sich um die Auswirkungen des Klimawandels, 50% möchten ihr Vermögen nutzen, um eine nahestehende Person zu unterstützen und 43% möchten an gemeinnützige Organisationen spenden. (vgl. UBS Women’s Wealth Studie, Schweiz 2021, S. 6). Geld als «Machtinstrument» oder der «thrill und fun» des Anlegens an der kommen in der Liste nicht vor.

Wenn aber das Interesse an Finanzthemen ungefähr so gross ist wie das an Zahnarztbesuchen, ist es umso wichtiger, das Thema möglichst friktionslos in den Alltag zu integrieren. Bleiben wir bei unserem Zahnarztbeispiel, ist es beispielsweise leichter, die jährliche Dentalhygiene und Kontrolle einzuhalten, wenn der Termin automatisch zugeschickt wird und man ihn aktiv absagen muss, statt ihn aktiv vereinbaren zu müssen. Gleiches gilt auch bei den Finanzen: Wenn die erforderlichen Informationen dort verfügbar sind, wo sie ohne grossen Aufwand – passiv – konsumiert werden können, ist die Hemmschwelle grösser dies nicht zu tun, als umgekehrt. Das dürfte auch den relativen Erfolg von Influencerinnen und Blogs zum Thema «Female Finance» auf Instagram erklären. Wenn frau hier ohnehin schon aktiv ist, kann sie auch gleich noch den Beitrag lesen. Das erklärt auch, warum sich viele Frauen der Wichtigkeit des Vermögensaufbaus und der Vorsorge durchaus bewusst sind. Aber lesen heisst bekanntlich noch nicht handeln.

Nun heisst es aus dem Bewusstsein Handeln abzuleiten. Dazu braucht es aber mehr und vor allem andere Ansätze: Frauen sind andere Dinge wichtig, neben dem Risikoaspekt, der sich aus der abweichenden Zielsetzung ergibt, auch der Wunsch zu verstehen und nachzuvollziehen, wie die Anlagevehikel wirklich funktionieren, statt «nur» einem Berater/ einer Beraterin zu vertrauen. Frauen müssen sich selbst zutrauen, Finanzentscheide treffen zu können und sich mit diesen Entscheidungen auch wohlfühlen. Denn nur auf Augenhöhe kann dann auch ein vertrauensvolles Verhältnis mit einem Finanz Coach entstehen, das es ermöglicht langfristig und vorausschauend Finanzthemen zu adressieren.  

Und anders als beim Zahnarzt kommt der Schmerz oder im Fall der eigenen Finanzen das böse Erwachen erst, wenn es zu spät ist, sprich, wenige Jahre vor der Pensionierung oder im Falle einer Scheidung/ Trennung.