Haben Privatbanken ein Visionproblem?

Häufig wird behauptet, das Private Banking sei nach wie vor etwas «angestaubt» und nicht in der modernen – sprich digitalen und agilen – Welt angekommen, bzw. haben keine Vision für die Zukunft.

Häufig wird behauptet, das Private Banking sei nach wie vor etwas «angestaubt» und nicht in der modernen – sprich digitalen und agilen – Welt angekommen, bzw. habe keinen Vision für die Zukunft. Bei kritischer Prüfung dieser Aussage fällt aber folgendes ins Auge:

Digitalisierung unter strikten Auflagen

Die letzten Jahre – insbesondere seit der Einführung von MiFID II und FIDLEG – hat sich hier auf der Prozessseite einiges getan. Banken und auch ihre Kundenberater haben eingesehen, dass die Komplexität in der Beratung und Verwaltung von Vermögen anders nicht mehr zu handhaben ist. Dass dieser Prozess relativ lange gedauert hat, hat vor allem 2 Gründe: zum Einen Fehlte es an Lösungen, die die Komplexität des Wealth Managements effektiv abbilden konnten, vorhandene «of the shelf» Angebote haben sich zu Beginn das Leben ein wenig zu einfach gemacht und zum Anderen sprechen wir über einen hoch regulierten und äusserst Datensensitiven Markt, Sicherheit hat hier oberste Priorität – das Gegenteil was man von vielen agilen Digitalunternehmen sagen kann, deren Umgang mit den Daten ihrer Kunden immer wieder Grund zu Medienrummel gibt. Durch agile Arbeitsweisen und insbesondere den zusätzlichen Druck aus der Pandemie sind Abläufe hier aber in letzter Zeit weiter deutlich vereinfacht und digitalisiert worden.

Vision nicht nur für «Millenials»

 Die Frage, was «Next-Gen» Kunden von ihrer Bank erwarten ist eine veritable und nicht einfach zu beantworten. Doch auch hier gibt es inzwischen dank agiler Methoden wie Desing Thinking immer mehr Klarheit zu den Präferenzen: Omnichannel, transparent, benutzerfreundlich, sozial und ökologisch vertretbar, um nur einige der Punkte zu nennen (zu der Frage, was die Kunden von morgen wünschen, hier ein link zu einem Finews-Artikel von mir). Aber eines darf man dabei nicht vergessen: Noch sind ein Grossteil der Kunden in der Generation 65+ und fühlen sich nicht immer ganz wohl mit den neusten digitalen Lösungen. Allein die Tatsache, dass es heute fast nicht mehr möglich ist, Rechnungen «klassisch» zu bezahlen – sprich ohne Online Banking oder Handy-App – führt bei vielen der «älteren Generation» von Kunden zu Unmut. Wenn aber bereits die aktuellen Kunden unzufrieden sind, wie gross ist dann die Chance, im Falle einer Erbschaft die nächste Generation zu halten? Die Frage nach der Vision sollte daher nicht nur mit Blick auf die Digital Natives beantwortet werden und ist am Ende auch keine IT-Schlacht. Vielmehr geht es darum, die Brücke zwischen den Generationen zu bauen und beiden Seiten gerecht zu werden. Das ist aber – ähnlich wie die Digitalisierung - weniger ein Visions- sondern vielmehr ein Execution-Problem.

Fokus auf Umsetzung

Bekanntlich sind am Ende die besten Konzepte und Ideen sind nur so gut wie die Umsetzung, mit der sie vorangetrieben werden. Voraussetzung dafür ist, dass die klassische Trennung zwischen «run the bank» und «change the bank» aufgehoben wird. Das erfordert neben einem kulturellen Wandel auch Projekt Management Skills. Fast jeder Mitarbeitende ist heute neben dem Tagesgeschäft auch auf die ein oder andere Weise in Projekte oder Initiativen zur Veränderung des Status Quo eingebunden. Das jedoch braucht ein Reskilling der Mitarbeitende sowie eine Innovationskultur, die neue Ideen und Ansätze fördert.

Somit ist die Herausforderung, der vor allem Privatbanken sich stellen müssen weniger die Frage nach der Vision und dem strategischen Entscheid zur Digitalisierung, sondern vielmehr die Frage, wie sie ihre Mitarbeitende bei der Umsetzung dieser Vorgaben effektiv und effizient unterstützen können.